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Die moderne Management-Literatur gleicht einer archäologischen Ausgrabungsstätte. Alle zehn Jahre fördern wir dieselben Statuen unter neuen Namen zu Tage. Aktuell wird das Feld durch Begriffe wie „Uncertainty Work“ oder „Negotiated Joining“ neu vermessen. Die Diagnose ist dabei durchaus präzise: Organisationen sind „frozen from the start“. Wir rekrutieren Mitarbeiter:innen für eine statische Welt, die so längst nicht mehr existiert.

Die Therapie wird oft als radikale Innovation gefeiert. Bei genauerer Betrachtung entpuppt sie sich jedoch als die unbewusste Wiederentdeckung einer universellen „Physik“ von Systemen, die John Boyd und die Architekten des Toyota-Produktionssystems schon vor Jahrzehnten kartiert haben. Wenn wir die modischen Etiketten entfernen, blicken wir auf die unveränderliche Dynamik von Sun Tzus Cheng und Ch'i. Dabei offenbart sich eine gefährliche Leerstelle, die sich mit der bloßen Einführung „agiler“ Methoden nicht füllen lässt.

Simulakren der Stabilität

Das konventionelle Einstellungsprozedere operiert auf Basis einer Fiktion. Wir definieren eine Rolle zu 100 %, als wäre die Realität ein statisches Puzzle, in das neue Mitarbeiter:innen präzise passen müssen. Wir erschaffen ein Modell – eine Karte – und verwechseln sie mit dem Terrain.

Sobald die Realität auf dieses Modell trifft, entsteht ein Riss. Die üblichen Reparaturversuche laufen unter dem Label Change Management. Faktisch ist es oft ein Kampf gegen die Antifragilität des Lebens selbst. Systeme, die durch Volatilität wachsen sollten, werden künstlich sediert.

Der Vorschlag der „Unfrozen“-Bewegung, Rollen von Beginn an zu 20 % verhandelbar zu gestalten, klingt rational. Er unterschätzt jedoch die menschliche Natur. Menschen klammern sich an starre Jobbeschreibungen, weil Rollen die Währung in den unsichtbaren Status-Spielen der Organisation sind. Eine definierte Rolle ist ein gesicherter Platz in der Hierarchie. Wer die Job-Beschreibung aufweicht, greift die Identität der Akteur:innen an.

Cheng und Ch'i

Um „Unfrozen“ operationalisierbar zu machen, müssen wir zur harten Doktrin zurückkehren. Sun Tzu und John Boyd nutzten Cheng und Ch'i, um die Dynamik von Sieg und Überleben zu erklären:

  • Cheng (die Struktur) → Das Erwartete. Das Orthodoxe. Es sind die enabling constraints, die das System handlungsfähig machen. Das sind die 80 % der Rolle, die klar definiert sind. Ohne Cheng fehlt das Fundament für psychologische Sicherheit.
  • Ch'i (der Schock) → Das Unerwartete. Das Unorthodoxe. Die Innovation, die aus dem Bruch mit der Regel entsteht. Das sind die 20 % Abweichung.

Viele Unternehmen versuchen, ausschließlich Cheng zu sein. Sie bauen Organisationen aus Beton und zerbrechen an der Varianz der Realität. Die „New Work“-Bewegung erliegt dagegen oft dem naiven Glauben, ein System könne nur aus Ch'i bestehen – alles ist Fluss, alles ist verhandelbar. Ein solches System verliert seine Kohärenz und löst sich in Rauschen auf.

Eine wirksame Organisation institutionalisiert die Wechselwirkung: Cheng liefert die Robustheit gegen das Bekannte, Ch'i erzeugt die Antifragilität gegenüber dem Unbekannten.

Orientierung im Vakuum

Dem postmodernen Diskurs um „Uncertainty Work“ fehlt fast immer ein entscheidendes Organ: Die Grand Narrative.

Die gängige Erzählung fordert Anpassung als Selbstzweck. In der Logik komplexer Systeme führt das in die Katastrophe. In Boyds OODA-Loop ist die Orientierung die Phase, in der genetisches Erbe, kulturelle Tradition und neue Informationen zu einem Weltbild verschmelzen. Ohne einen festen Vektor – einen Strange Attractor – führt schnelle Orientierung lediglich zu schnellem Drift.

Wer Anpassung (Ch'i) ohne feste Absicht betreibt, spielt ein Spiel ohne Siegbedingung. Das System reagiert nur auf Reize, wie ein System 1 im Dauerfeuer, ohne die strategische Kontrolle des System 2. Ohne ein übergeordnetes „Wozu“ erzeugt totale Flexibilität kognitive Dissonanz. Agency entsteht erst, wenn die Anpassungsfähigkeit auf ein unverhandelbares Ziel ausgerichtet ist.

Die Immunität gegen das Offene

Die Forderung an Mitarbeiter:innen, Teile ihrer Rolle selbst zu definieren („Negotiated Joining“), ist keine bloße Aufgabenverschiebung. Es ist eine Anforderung an ihre Bedeutungskonstruktion.

Die meisten Organisationen werden von Menschen getragen, die im sozialisierten Geist operieren. Sie beziehen ihre Sicherheit und ihr Selbstwertgefühl aus der Erfüllung externer Erwartungen. Die Aufforderung „Definiere deine Rolle selbst“ entzieht ihnen die externe Referenz und provoziert eine existentielle Krise.

Nur Menschen, die den Schritt zur Selbstbestimmtheit vollzogen haben, können mit dieser Freiheit ohne Angst umgehen. Das Scheitern von Agilität ist häufig kein Prozessfehler, sondern eine kollektive Immunity to Change. Verborgene, konkurrierende Verpflichtungen sabotieren jeden Versuch der offenen Rollendefinition, ungeachtet der logischen Notwendigkeit.

Das operative Manöver

Wir ändern die Strategie. Statt radikaler Umbrüche nutzen wir das Prinzip „Slightly East of New“. Innovation ist selten der große Sprung; sie ist die iterative Verschiebung am Gemba. Die geforderten „Micro-Tests“ dienen dabei als Sonden im Sinne des Cynefin-Frameworks, um das komplexe Terrain zu testen.

Wenn du Agency in deinem System willst, darfst du Sicherheit nicht durch starre Definitionen simulieren. Du musst Sicherheit durch Handlungsfähigkeit und Ausrichtung erzeugen:

  1. Härte das Cheng → Definiere die 80 % gnadenlos klar. Das sind die enabling constraints. Sie sind der Anker, der die Angst bindet. Ohne diesen Anker triggert Freiheit lediglich die Amygdala.
  2. Installiere den Attraktor → Kläre die Grand Narrative. Wohin adaptieren wir uns? Ohne diese Antwort verkommt „Negotiated Joining“ zu einem politischen Nullsummenspiel um Ressourcen.
  3. Erkenne die Reife → Beurteile das „menschliche Betriebssystem“. Du kannst von Mitarbeiter:innen im sozialisierten Geist keine Selbstautorenschaft verlangen, ohne ihnen eine Brücke zu bauen.
  4. Fordere das Ch'i → Mach die Abweichung zur Pflicht, aber rahme sie als Dienst an der Mission. Wer nicht iteriert, verwaltet nur den Verfall.

Der Weg entsteht im Gehen – aber nur für diejenigen, die wissen, dass sie keine Wanderer:innen sind, sondern Pfadfinder:innen in unbekanntem Terrain.


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