Ein Plattform-Team investiert 50 % seiner Zeit in ein Projekt mit einem Wert von 100.000 € und die anderen 50 % in eines mit einem Wert von 1.000.000 €.
Das ist arithmetischer Wahnsinn. Nach jeder klassischen BWL-Metrik ist diese Ressourcen-Allokation ein Zustand geistiger Umnachtung. Investor:innen würden die Aktie abstoßen. Wirtschaftsprüfer:innen würden Fragen stellen, auf die niemand antworten will.
Doch das System korrigiert diesen Fehler nicht. Es stabilisiert ihn. Warum?
Das Budget für dieses Team stammt aus einem stillschweigenden „Burgfrieden“ zwischen fünf verschiedenen Bereichsleiter:innen. Die implizite Übereinkunft: „Die Plattform existiert, und jeder bekommt seinen Tribut.“ Das System funktioniert genau so, wie es konstruiert ist: Es sichert Stabilität, nicht Effizienz.
Wer hier auf die Asymmetrie 100k 1M hinweist, optimiert kein Portfolio. Er bricht einen Pakt. Der Versuch, ökonomische Effizienz zu erzwingen, erzeugt politische Instabilität. Das System schützt sich gegen diese Intervention durch Konflikt. Du richtest den Scheinwerfer der Konzernrevision auf Dinge, die im Halbschatten blühen sollten.
Das Totem der Relevanz
Warum kämpft der Bereichsleiter für das 100.000-€-Projekt, als ginge es um sein Leben? Weil es – evolutionär betrachtet – genau darum geht.
In der Stammeslogik des Konzerns ist Ressourcenbindung ein Proxy für Relevanz. Wer kein Budget verbrennt, signalisiert den eigenen Bedeutungsverlust. Dieses Projekt fungiert als Statussymbol, weit entfernt von einem Asset, das Rendite erwirtschaften muss.
Das Streichen dieser vermeintlichen „Verschwendung“ ist ein Angriff auf den Status eines „Alphatiers“. Du nimmst ihm sein Totem. Die Reaktion ist vorhersehbar defensiv-aggressiv: „Hier geht es um strategische Grundsatzfragen, die Sie nicht überblicken!“
Die Alternative ist das typische Ritual der Schein-Kooperation: Wir debattieren so lange über fiktive „Story Points“ und Abhängigkeiten, bis das Team kapituliert und „beides macht“. Wir liefern lieber zwei Dinge schlecht, als einen Konflikt offen auszutragen. Das ist der Weg des geringsten Widerstands, der direkt in die Mittelmäßigkeit führt.
Wetten statt Pläne
Wechseln wir die Perspektive. Der Fehler liegt oft in unserer Definition von Wert. Wir beurteilen die Qualität einer Entscheidung anhand ihres sichtbaren Ergebnisses („Resulting“), anstatt ihre strategische Optionalität zu prüfen.
- Szenario A (Die 1M-Falle) → Der Business Leader mit dem 1.000.000-€-Case hat leichtes Spiel. Oft ist das jedoch Bad Revenue: Consulting-Stunden oder Features, die kurzfristig das EBITDA polieren, aber technische Schulden anhäufen. Das ist Optimierung für das lokale Maximum unter Inkaufnahme globaler Fragilität.
- Szenario B (Die 100k-Option) → Das 100.000-€-Projekt (z. B. Developer Experience) besitzt keinen linearen Business Case. Vielleicht ist es aber eine asymmetrische Wette. Eine Investition in Antifragilität, die dem System erlaubt, auf unvorhergesehene Volatilität zu reagieren.
Standard-KPIs sind blind für den Unterschied zwischen der Ausbeutung von Substanz und dem Kauf strategischer Optionen. Oft ist das politisch geschützte „Hobby-Projekt“ die eigentlich weisere Wette, die nur im Raster der Quartalszahlen wie Verschwendung aussieht.
Die Währung wechseln
Unternehmen operieren oft im „Degraded Mode“. Sie tun Dinge, über die ein Professor für Betriebswirtschaftslehre den Kopf schütteln würde. Aber dieser Professor versucht nicht, seinen Bereich gegen Budgetkürzungen zu verteidigen und gleichzeitig irgendwie dem Kunden zu dienen, ohne über interne Compliance-Richtlinien zu stolpern.
Führungskräfte fordern Parallelität von Tagesgeschäft und Innovation. COOs starren auf Dashboards, die nichts mit der Realität im Maschinenraum zu tun haben – eine klassische Verwechslung von Landkarte und Terrain.
Organisationen sind komplexe adaptive Systeme, getrieben von sozialen Dynamiken. Priorisierung ist in diesem Habitat primär ein politischer Akt und erst sekundär ein ökonomischer.
Strategie-Frameworks, die „rationale Akteur:innen“ voraussetzen, zerschellen an dieser Realität. Komplexe Probleme erfordern eine andere Währung als einfache Probleme. Der Kampf gegen die Irrationalität ist Energieverschwendung; die Meisterschaft liegt darin, das Spiel zu lesen: Handelt es sich um Status-Signaling oder um eine verdeckte strategische Option?
Erst wer das Motiv hinter der Zahl kennt – wer das menschliche Terrain kartiert hat –, kann den Pakt neu verhandeln.
Resoniert das? Schreib mir.