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Schaffen im Dunkeln

Wenn das Essen keine Adresse hat.

Es war einmal der „Automat“: nicht als nostalgisches Relikt der 1920er Jahre in New York oder der Berliner Nachkriegsmoderne am Alexanderplatz, sondern als ein soziologisches Versprechen. Du warfst eine Münze ein, es öffnete sich eine kleine, in Chrom und Glas gefasste Klappe und du konntest ein Stück Kirschkuchen oder ein belegtes Brötchen entnehmen. Es war ein magischer Moment der Moderne: Versorgung ohne soziale Reibung. Eine Dienstleistung ohne Diener:in.

Doch der Automat war eine Illusion, ein Potemkinsches Dorf der Technologie. Hinter der glänzenden Wand aus Chrom befand sich eine enge, heiße, oft fensterlose Küche, in der Menschen arbeiteten, unsichtbar für die Kund:innen, reduziert auf die Hand, die den Kuchen nachfüllte, sobald die Klappe sich schloss. Der Automat war die erste mechanische App: eine Schnittstelle, die die Anstrengung der menschlichen Begegnung eliminierte, indem sie die Arbeit hinter einer Fassade versteckte. Er trennte den Konsum vom Schweiß der Produktion.

Ein Jahrhundert später kehrt der Automat zurück, nur ist er kein Möbelstück mehr. Er hat die Größe ganzer Stadtviertel angenommen. Wenn wir heute durch Berlin-Mitte, das Münchner Glockenbachviertel oder das Hamburger Schanzenviertel laufen, sehen wir die Narben dieser Rückkehr: Schaufenster, die früher Einblick in das Leben eines Ladens gewähren, sind mit milchiger Folie beklebt. In den Hinterhöfen von Industriegebieten entstehen Küchen, in denen kein Gast je essen wird.

Diese Phänomene werden Dark Stores, Ghost Kitchens oder Quick Commerce genannt. Nur, dass diese Begriffe Verharmlosungen sind. Was wir erleben, ist keine neue Lieferlogistik. Es ist ein fundamentaler Bruch in der Geschichte der Zivilisation: Der Übergang vom Marktplatz, auf dem Austausch ein sichtbarer, sozialer und damit politischer Akt war, hin zur Logistik, einer algorithmischen, unsichtbaren Prozession. Wir bauen eine Architektur der Dunkelheit, eine Infrastruktur der Verdrängung, in der das Leben aus dem öffentlichen Raum in private Tunnel verlegt wird. Wir müssen darüber reden, was es bedeutet, wenn die Lichter ausgehen.

I

Jahrhundertelang war die Stadt definiert durch ihre Märkte. Der Markt war der Ort, an dem Produktion und Konsum aufeinandertrafen. Wir sahen das Mehl auf der Schürze der Bäcker:in, rochen das Leder beim Schuhmacher, verhandelten, stritten, begegneten einander. Diese Sichtbarkeit erzeugte Reibung, und diese Reibung wurde Gesellschaft genannt.

Die „Dark“-Ökonomie operiert nach dem gegenteiligen Prinzip: Reibungslosigkeit.

In Deutschland manifestiert sich das schleichend in der sogenannten Ghost Kitchen. Wer auf Lieferplattformen wie Wolt, Lieferando oder Uber Eats nach „Nonna Filomena“ sucht, findet Markenauftritte, die Wärme, Tradition und eine italienische Großmutter suggerieren. Doch diese Orte existieren nicht. Es sind virtuelle Hüllen, produziert von Start-ups wie CloudEatery in Frankfurt. In einer einzigen, oft fensterlosen Industrieküche werden Gerichte für fünf, zehn oder zwanzig verschiedene virtuelle „Restaurants“ parallel am Fließband montiert.

Ähnlich funktioniert das Konzept von Milano Vice in Berlin: Eine Marke, die wie eine hippe Pizzeria auftritt, deren Produkte aber oft als Untermieter in bestehenden Fremdküchen oder Containern produziert werden. Das Essen ist real, die Identität ist eine Simulation. Der Ort des Kochens wird von einem Ort der Kultur zu einer reinen Fertigungsstraße degradiert, entkoppelt von jedem Gastraum, befreit von der Notwendigkeit der Gastfreundschaft. Wir konsumieren nur noch das Endprodukt, völlig entfremdet vom Prozess seiner Entstehung.

Noch aggressiver greift der Dark Store in das urbane Gewebe ein. Anbieter wie Flink oder Getir haben das Lagerhaus aus dem Industriegebiet in das Wohnzimmer der Stadt geholt. Ein Dark Store ist die Antithese zum Laden. Ein Laden will betreten werden; er ist ein semi-öffentlicher Raum. Ein Dark Store ist eine Festung. Seine Fenster sind blind, seine Tür ist eine Schleuse, die nur für Waren (raus) und Arbeiter:innen (rein) existiert. Im Inneren herrscht eine Logik, die dem menschlichen Einkaufen fremd ist: Die Regale sind nicht so sortiert, dass Nudeln neben der Soße stehen, sondern so, wie es der Algorithmus für die schnellste Pick-Route befiehlt.

Der französische Philosoph Paul Virilio beschrieb das mit dem Begriff der Dromologie – der Herrschaft der Geschwindigkeit. Um die Zeit zu kollabieren, dem Versprechen der Lebensmittel in zehn Minuten, muss der Raum vernichtet werden. Der Dark Store ist ein dromologisches Gerät: Er opfert den Raum der Stadt, den Raum für Begegnung, für Zufall, für das, was Jane Jacobs „Augen auf der Straße“ nannte, auf dem Altar der Geschwindigkeit. Eine Straße, die nur aus zugeklebten Fenstern besteht, ist keine Straße mehr. Sie ist ein Verkehrskanal, ein Tunnel für Logistik, durch den E-Bikes rauschen, aber in dem kein Leben mehr verweilt. Der „Späti“, die Bodega, das Eckcafé – sie waren Orte des sozialen Klebstoffs. Der Dark Store ist ein Ort der sozialen Isolation.

II

Es wäre naiv zu glauben, diese Entwicklung sei eine organische Antwort auf unseren Wunsch nach schnellerer Zahnpasta oder Pizza. Niemand hat wirklich darum gebettelt, seinen Einkauf in acht Minuten zu erhalten. Diese Nachfrage existiert nicht a priori; sie wurde konstruiert. Wir haben es mit einem angebotsseitigen Schock zu tun, finanziert durch eine Allianz aus Silicon-Valley-Risikokapital und staatlichen Fonds, die nach einer Welt ohne Öl suchen.

Die treibenden Kräfte sind Akteure wie der SoftBank Vision Fund oder der saudische Staatsfonds PIF. Sie investierten Hunderte Millionen in Travis Kalanicks CloudKitchens – allein 400 Millionen Dollar kamen direkt aus Riad – oder Milliarden in europäische Lieferdienste. Ihr Ziel ist nicht, uns zu füttern. Ihr Ziel ist der Land Grab: Die Besetzung der urbanen Infrastruktur.

Die Strategie nennt sich „Blitzscaling“: Der Markt wird mit Dienstleistungen geflutet, die weit unter den tatsächlichen Kosten angeboten werden, subventioniert durch Risikokapital. In dieser künstlichen ökonomischen Realität kann der lokale Späti, die familiengeführte Pizzeria oder der unabhängige Buchladen nicht mithalten. Sie müssen Miete für Räume zahlen, in denen Menschen sich aufhalten können; sie müssen Licht anmachen, heizen, Personal für Gespräche bezahlen. Der Dark Store spart sich den Menschen und gewinnt über den Preis. Die Insolvenz des lokalen Handels ist dabei kein bedauerlicher Kollateralschaden, sondern die mathematische Voraussetzung des Geschäftsmodells. Erst wenn die Straße dunkel ist, wenn es keine Alternativen mehr gibt, kann das Monopol die Preise anheben. Aaron Shapiro nennt das die „logistisch-urbane Grenze“: Wir erleben eine Privatisierung der städtischen Logistik, bei der der öffentliche Raum als Laderampe missbraucht wird, um private Gewinne zu extrahieren.

III

Wer bedient diese Maschinen? In Hideo Kojimas visionären Videospiel Death Stranding sehen wir eine Welt, in der die Menschheit in isolierten Bunkern lebt, abhängig von „Portern“, die unter Lebensgefahr Lieferungen durch eine feindliche Umwelt tragen. Kojima diagnostiziert ein „Delivery Dependence Syndrome“: Die Lieferung wird zum einzigen verbliebenen Kontakt zur Außenwelt, zum Ersatz für soziale Bindung.

In unserer Realität sind die Porter die Kurier:innen der Gig Economy. Aber sie sind keine Angestellten im traditionellen Sinne. Sie sind „Fleischkomponenten“ in einem algorithmischen System. Sie haben keine Vorgesetzten, mit denen sie verhandeln können, nur eine App, eine Black Box, die sie überwacht, bewertet und bei Ineffizienz „deaktiviert“.

Das System ist darauf ausgelegt, diese Arbeit unsichtbar zu machen. Die App bietet eine „reibungslose“ Oberfläche. Wir drücken einen Knopf, und das Essen erscheint. Der Schweiß, der Stress, die prekäre Situation des Riders werden durch das Interface herausgefiltert. Wir erleben eine Art moralische Anästhesie, eine Spendception: Weil wir das Geld nicht mehr physisch übergeben und die Anstrengung der Produktion nicht mehr sehen, entkoppeln wir uns von den Konsequenzen unseres Konsums. Die Arbeit wird abstrahiert, bis sie nicht mehr als menschliche Tätigkeit wahrnehmbar ist, sondern nur noch als Dienstleistung eines Systems erscheint.

IV

Doch der Dark Store ist nur die Vorstufe, die letzte Meile einer viel tiefergehenden Transformation. Das Endziel der logistischen Kette ist die Dark Factory – die „Lights-Out“-Fabrik.

Der japanische Roboterhersteller FANUC betreibt solche Fabriken am Fuße des Mount Fuji bereits seit zwei Jahrzehnten: Roboter bauen Roboter, im Dunkeln, wochenlang ohne menschlichen Eingriff. In der Logik des modernen Spätkapitalismus ist der Mensch in der Fabrik nicht mehr die Ressource, er ist das Risiko.

In der Halbleiterfertigung sind wir Kontaminationsquellen; wir atmen, wir schwitzen, wir verlieren Hautschuppen. In der Logistik sind wir langsam, wir werden müde, wir fordern Rechte, wir werden krank. Die perfekte Fabrik ist eine, die den Menschen ausgesperrt hat. Amazon nähert sich diesem Ideal in seinen Fulfillment Centern, wo Roboter von ehemals Kiva in eingezäunten Zonen Choreographien tanzen, die für jeden Menschen tödlich wären. Die Logik des Roboters frisst sich die Lieferkette hinauf bis zur Landwirtschaft: Die Tomate muss so wachsen, dass der Greifarm sie fassen kann. Die „Lights-Out“-Fabrik ist der feuchte Traum des Kapitals: Wertschöpfung ohne die lästige Variable der Arbeit. Es ist die ultimative Entfremdung – nicht mehr nur die Entfremdung des Arbeiters von seinem Produkt (wie bei Marx), sondern die Entfernung des Arbeiters aus dem Prozess der Weltgestaltung.

V

Die radikalste Konsequenz dieser Entwicklung findet nicht mehr auf der Erde statt. Die Logik der Dark Factory – autonom, hermetisch geschlossen, lebensfeindlich – ist der notwendige Prototyp für die Kolonisierung des Weltraums.

Der Weltraum ist die ultimative „Lights-Out“-Umgebung. Vakuum, tödliche Strahlung, extreme Temperaturen. Menschen können dort nicht am Fließband stehen. Wenn wir den Mond oder den Mars besiedeln wollen, können wir keine Fabriken bauen, in denen Menschen arbeiten. Wir brauchen ISRU (In-Situ Resource Utilization) – autonome Fabriken, die Regolith abbauen und Habitate drucken, bevor der erste Mensch den Fuß auf den Boden setzt.

Unternehmen wie Relativity Space bauen heute schon Raketen mit riesigen 3D-Druckern („Stargate“) und KI, fast ohne menschliche Berührung. ICON entwickelt mit NASA-Geldern das „Project Olympus“, um Mondbasen autonom zu bauen. Wenn Milliardär:innen wie Jeff Bezos davon träumen, die „schwere“ Produktion von der Erde in den Orbit zu verlagern und die Erde in ein reines Wohn- und Naturschutzgebiet zu verwandeln, dann klingt das zunächst nach einer grünen Utopie.

Doch bei näherer Betrachtung offenbart sich das Risiko einer ultimativen Trennung der Spezies, wie sie die Science-Fiction-Reihe The Expanse düster zeichnet: Eine Klasse von unsichtbaren Arbeiter:innen oder Maschinen, die fernab in der Schwärze des Alls unter unmenschlichen Bedingungen die Ressourcen extrahieren, damit eine privilegierte Klasse auf der Erde („The Inners“) in Unschuld konsumieren kann. Bezos exportiert nicht die Industrie; er exportiert die Ausbeutung an einen Ort, an dem niemand mehr hinschauen kann. Es ist die ultimative Dark Factory, so weit entfernt, dass ihr Licht uns nie erreichen wird.

VI

Was bedeutet das für uns, hier und heute, wenn wir an einem zugeklebten Schaufenster in Köln-Ehrenfeld oder Berlin-Kreuzberg vorbeilaufen? Vor allem, dass wir Zeugen eines Kampfes um die Sichtbarkeit sind. Städte sind nicht nur Ansammlungen von Gebäuden, sie sind materialisierte Politik. Wenn wir zulassen, dass unsere Nachbarschaften in Logistik-Hubs verwandelt werden, geben wir den öffentlichen Raum auf.

Einige Städte haben begonnen, sich zu wehren. Barcelona hat 2023 ein striktes Verbot für Dark Stores im Stadtzentrum erlassen. Amsterdam und Rotterdam verhängten Moratorien. Paris klassifizierte sie rechtlich als „Lagerhäuser“, was ihre Existenz in Geschäftsstraßen illegal macht. Diese Städte erkennen an, dass eine Stadt aus blinden Fassaden keine Stadt mehr ist, sondern ein Lagerhaus mit Schlafplätzen. Es ist ein Kampf um die Zonierung der Realität.

Aber es geht um mehr als Stadtplanung. Es geht um die Frage, ob wir in einer Gesellschaft leben wollen, die ihre Funktionsweise vor sich selbst versteckt. Die Technologien der Dunkelheit, die Automatisierungen, die KI, die autonome Logistik, sind mächtig. Sie könnten uns helfen, Ressourcen effizienter zu nutzen oder die Klimakrise zu bewältigen. Aber in den Händen einer Oligarchie, die auf Extraktion und Unsichtbarkeit setzt, werden sie zu Werkzeugen der Entfremdung.

Wir bewegen uns auf eine Welt zu, die funktioniert wie der Automat der 1920er Jahre: Vorne glänzt das Interface, hinten herrscht das Elend, und dazwischen steht eine Wand, die wir nicht mehr durchdringen können. Wenn wir aufhören zu verstehen, woher unser Essen kommt, wer unsere Pakete packt und unter welchen Bedingungen unsere Welt zusammengehalten wird, geben wir nicht nur die Kontrolle ab. Wir geben unsere Mündigkeit auf.

Wir müssen lernen, die Wand wieder einzureißen. Nicht aus Technikfeindlichkeit, sondern aus dem demokratischen Prinzip heraus, dass eine Gesellschaft sehen muss, was sie ist, um zu entscheiden, was sie sein will. Sichtbarkeit ist politisch. In einer Welt der Black Boxes ist das Hinschauen der erste Schritt zur Rückeroberung.


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